Kayıhan Pala ist ein erfahrener Arzt. Er unterrichtet Studenten, war als Gesundheitsberater tätig und stand mehrere Jahre der Ärztekammer in der türkischen Provinz Bursa vor. Sein medizinischer Rat hat Gewicht – und zwar so viel, dass die türkische Ärztekammer ihn in eine Gruppe von Medizinern berufen hat, die das Pandemiegeschehen in der Türkei beobachten soll. Ein Interview mit einer lokalen Nachrichtenseite zum Thema Corona brachte den Arzt dann allerdings in Bedrängnis.

„Die Infektionen und die Todeszahlen in Bursa sind höher, als bekannt gegeben wird“, sagte Pala der Website enBursa.com in einem Gespräch, das am 20. April veröffentlicht wurde. Der Gouverneur von Bursa sah in dieser Aussage den Versuch, Falschinformationen zu verbreiten, und beschuldigte Pala, die Bevölkerung damit in Panik zu versetzen. Als Konsequenz erstattete der AKP-Politiker Anzeige.

Nach einer ersten Begutachtung entschied die Staatsanwaltschaft, dass der Fall außergerichtlich gelöst werden sollte. Die Akte wurde an die Uludag Universität gesendet, die daraufhin Ermittlungen gegen ihren Professor einleitete.

Anschließend vergingen Monate. Monate, in denen die türkische Regierung Ausgangssperren verhängte und wieder aufhob, strenge Corona-Maßnahmen erließ und wieder lockerte und die Statistiken der Infektionen darauf hoffen ließen, man habe die Pandemie unter Kontrolle gebracht. Parallel zu den positiven Nachrichten von offizieller Seite wuchsen jedoch die Zweifel an den Corona-Zahlen der türkischen Regierung – und die Mahner wurden zunehmend lauter.

Ebenso wie Professor Pala vermuteten bald zahlreiche Ärzte und medizinische Mitarbeiter aus allen Landesteilen, dass die Statistiken geschönt seien und das wahre Ausmaß der Pandemie verschleiert werde. Von bis zu 19-mal höheren Infektionsraten als in den offiziellen Statistiken abgebildet war die Rede. Die Regierung wehrte sich vehement dagegen, immer wieder wurde mit juristischen Konsequenzen gedroht. Im September verdichteten sich…