Man könnte es Boris Johnson nicht verdenken, falls er manchmal das Gefühl haben sollte, er könne die EU doch noch auseinanderdividieren. Immerhin drei Tage brauchten Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und EU-Ratspräsident Charles Michel, um sich zu einigen, wer vor dem EU-Gipfel an diesem Donnerstag und Freitag mit dem britischen Premierminister telefonieren darf.

Am Ende waren es beide.

Nicht, dass bei dem Gespräch am Mittwochabend etwas Neues, geschweige denn ein Durchbruch herausgekommen wäre. Man wolle weiterhin einen Deal, hieß es anschließend von beiden Seiten – „aber nicht um jeden Preis“, twitterte von der Leyen.

Auch die Staats- und Regierungschefs geben sich gelassen. Schon jetzt steht fest: Beim Gipfel wird kein Beschluss fallen. In einem Entwurf der Abschlusserklärung heißt es lediglich, die EU stelle „mit Besorgnis“ fest, dass Fortschritte bei den wichtigsten Fragen „noch nicht ausreichend für eine Vereinbarung“ seien. Deshalb sei eine nochmalige Intensivierung der Gespräche nötig.

Die EU ignoriert damit Johnsons Drohung, die Verhandlungen abzubrechen, wenn nicht spätestens am Donnerstag ein Kompromissangebot vorliege.

Sogar Spott ist zu hören. Johnson habe schon öfters Fristen gesetzt, „ohne das irgendetwas passiert ist“, sagt Bernd Lange, Chef des Außenhandelsausschusses des EU-Parlaments. Den jetzigen Gipfel zum Moment der Entscheidung hochzujazzen, sei ohnehin Johnsons Idee gewesen, sagt ein ranghoher EU-Diplomat. Notfalls könne man auch bis zum Ende der ersten Novemberwoche weiterverhandeln und dann immer noch rechtzeitig zum Jahresende ein Abkommen hinbekommen.

Die Briten aber werfen der EU vor, die Verhandlungen zu verschleppen. Brüssel weigere sich, an Rechtstexten zu arbeiten, klagt ein britischer Diplomat. Es gebe noch nicht einmal einen Vertragsentwurf, an dem man gemeinsam arbeiten könnte. So komme man nicht voran.

Damit wächst die Gefahr, dass es am 1. Januar kein Abkommen gibt. Mitten in der Coronakrise drohte dann nicht…