SPIEGEL: Bereits im September wurde im Sudan wegen starker Überschwemmungen der Notstand ausgerufen, wie ist die Situation zurzeit im Land?

Hameed Nuru: Glücklicherweise beginnen die Fluten sich langsam zurückzuziehen und die Regenfälle lassen nach. Aber wir sprechen hier von den schlimmsten Überschwemmungen, die wir in den vergangenen hundert Jahren gesehen haben. Den schlimmsten, seit hier Messungen vorgenommen und aufgezeichnet werden. Etwa 875.000 Menschen sind allein im Sudan von den Überschwemmungen betroffen. Etwa 150 Menschen sind bisher ums Leben gekommen.

SPIEGEL: Welche Landesteile sind betroffen?

Nuru: Es gibt Überschwemmungen in weiten Teilen des Landes. Am stärksten betroffen sind Nord-Darfur, die Hauptstadt Khartum, der Blue Nile State, West-Darfur und Sannar. Die Lage ist noch immer sehr schlimm.

SPIEGEL: Wohin fliehen die Menschen?

Nuru: Viele kommen bei Familie oder Freunden unter, die nicht so stark betroffen sind. Aber rund 175.000 Häuser sind entweder zerstört oder teilweise beschädigt worden. Viele Menschen können nirgendwo hin. Vor etwa drei Wochen habe ich eine Grundschule besucht, die wegen Corona geschlossen war, wo etwa 28 Familien in den verschiedenen Klassenzimmern wohnten. Wo immer die Menschen Platz finden, dort gehen sie hin. Es ist eine extrem schwierige Zeit für die Menschen.

SPIEGEL: Was werden die Folgen der Fluten sein?

Nuru: Durch die starken Regenfälle und Dammbrüche wurden viele Felder überschwemmt, große Teile des Ackerlandes und der Ernten wurden beschädigt oder zerstört. Zahlreiche Menschen haben alles verloren. Das Vieh ist vielerorts gestorben. Häuser müssen wiederaufgebaut werden. Die Lebensgrundlage vieler Menschen ist zerstört, weil sie nicht mehr ihren täglichen Geschäften nachgehen können.

SPIEGEL: Nicht nur Hunger wird in den kommenden Monaten ein Problem sein.

Nuru: Krankheiten sind schon jetzt auf dem Vormarsch. Wir beobachten bereits eine Zunahme von Cholera-Fällen. Auch Denguefieber, Rifttalfieber und…