SPIEGEL: Das nordkoreanische Regime hat bei einer großen Militärparade vor wenigen Tagen bedrohliche Waffensysteme präsentiert – unter anderem eine neue Interkontinentalrakete. Machthaber Kim Jong Un blieb in seiner Rede aber auffallend zurückhaltend. Wie passt das zusammen?

Baek: Die Enthüllung von neuer Militärtechnik und die zugleich demonstrativ zur Schau gestellte Zurückhaltung war ungewöhnlich. Meine Vermutung: Kim will signalisieren, dass das nordkoreanische Militär weiterhin eine Macht ist, mit der die Welt rechnen sollte. 

SPIEGEL: Kim Jong Un zeigte sich den Tränen nahe bei seiner Rede. Was steckt hinter einem solchen Auftritt?

Baek: Das war überraschend – insbesondere, dass er sich für die schwierigen Lebensverhältnisse in seinem Land entschuldigt hat. Die Weltöffentlichkeit sollte sich aber nicht davon täuschen lassen und denken, dass Kim Jong Un ein gütiger Diktator ist, der weint und Mitgefühl für seine Bürger zeigt. Er ist eher das Gegenteil. Sein Volk verfügt nicht einmal über ein Mindestmaß an Menschenrechten.