Gitta Schwarz kann nicht mehr reiten, obwohl es einst ihre größte Leidenschaft war. Heute reicht bereits der Anblick oder der Geruch eines Stalls, um ihr eine schlaflose Nacht voller Tränen und traumatischer Erinnerungen zu bescheren. 15 Jahre alt war Schwarz, als sie erstmals sexuell missbraucht wurde. Zwei- bis dreimal pro Woche ging sie reiten. Zwei- bis dreimal pro Woche wurde sie von ihrem Trainer, einem Mann Mitte 60, in die Enge getrieben, belästigt, zum Geschlechtsverkehr genötigt.

„Ich konnte niemandem im Verein davon erzählen, weil ich wusste, was für ein Ansehen er dort genoss“, sagte Schwarz in Berlin bei einer Anhörung der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Monatelang litt die junge Reiterin im Stillen, bevor sie sich endlich entschloss, mit ihren Eltern darüber zu sprechen. Die Reaktion des Vaters, so Schwarz, habe ihre letzte Kraft gebrochen: Er glaubte seiner Tochter nicht. Gitta besuchte weiterhin den Reitverein, als sei nichts geschehen. Doch der fortdauernde Missbrauch hinterließ psychische und körperliche Wunden. Schließlich ging die Mutter mit ihr zum Arzt. Der Mediziner habe lediglich dazu geraten, das Reiten aufzugeben, berichtete Schwarz.  

„Schuld, Scham und Druck“

Wie Schwarz forderten bei der Veranstaltung in Berlin auch andere Opfer sexuellen Missbrauchs im Sport, unabhängige Anlaufstellen außerhalb der Sportvereine und Familien einzurichten. Sonst werde es nicht gelingen, das „System aus Schuld, Scham und Druck“ zu durchbrechen. Sexuell missbrauchte junge Athletinnen und Athleten seien in diesem System gefangen und sehen sich gezwungen, ihre schlimmen Erlebnisse zu verschweigen.  

Im von der Europäischen Union unterstützten „VOICE-Projekt“ wurden die Schicksale junger europäischer Sportlerinnen und Sportler, die sexueller Gewalt ausgesetzt waren, gesammelt. Ein Opfer berichtete, vom Trainer, der es missbrauchte, ständig daran erinnert worden zu sein, wie viel Glück es habe, seinem…