Der Herbst ist in vielerlei Hinsicht die Bilanz des Sommers. Das gilt nicht nur für die gute alte Erntezeit, mit welcher der Großteil der Bevölkerung schon lange nichts mehr zu tun hat. Es gilt auch für die Gesellschaft. Die große Politik hatte im Sommer 2020 genauso Ferien wie die Kleinen in der Schule. Doch die europäischen Gesellschaften kannten in diesem ersten Corona-Sommer keine Pause. Es war ein Sommer der Proteste.

Am hartnäckigsten sind sie in Bulgarien – dort gehen die Menschen seit nunmehr drei Monaten auf die Straße. Ausgelöst wurden die Proteste durch eine Reihe politischer Skandale, die für jeden deutschen politischen Beobachter immer noch grotesk anmutet: Zuerst fuhr ein ehemaliger Justizminister mit einem Schlauchboot zu einem Abschnitt der bulgarischen Schwarzmeerküste, der laut Gesetz öffentlich zugänglich sein muss. Doch eine Gruppe humorloser Bodyguards warf den ehemaligen Minister ins Meer. Wie sich herausstellte, arbeiteten die Muskelpakete im Staatsauftrag, schützten aber das Privatgrundstück eines ehemaligen Politikers.

Dann tauchten Fotoaufnahmen aus der Residenz von Premierminister Bojko Borissow auf. Darauf zu sehen: Eine scharfe Handfeuerwaffe und Whiskyflaschen im Bett des Premiers, Schubladen voller Goldbarren und bündelweise 500-Euro-Scheine.

Mit der Fahne des EU-Staats Bulgarien: Demonstranten in der Hauptstadt Sofia Ende September 2020

In den nächsten Wochen folgten weitere Akte einer Tragikomödie. In ihnen ließ ein Generalstaatsanwalt die Amtsräume des Präsidenten (illegal) durchsuchen, dann tauchten Mitschnitte von Telefongesprächen erst des Präsidenten, dann wieder des Ministerpräsidenten voller wüster Beschimpfungen auf. Und ganz nebenbei verkündete der Generalstaatsanwalt, die gesamte Protestbewegung sei von einem Oligarchen gekauft, der sich im Ausland aufhält. Beweisen sollten das vom Geheimdienst abgehörte Telefonate, die auf der Homepage der Generalstaatsanwaltschaft veröffentlicht wurden.

Proteste gegen…