Die Konjunkturerwartungen deutscher Finanzexperten fallen angesichts der hohen Zahl von Neuinfektionen mit dem Coronavirus überraschend deutlich ab. Das teilte das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) mit. Das Barometer, das die Erwartungen für die wirtschaftliche Entwicklung in den nächsten sechs Monaten misst, fiel im Oktober von 77,4 Zählern im Vormonat auf 56,1 Punkte. Ökonomen hatten nur mit einem leichten Rückgang auf 73,0 Zähler gerechnet.

Der Indikator liegt damit zwar dennoch weiter im positiven Bereich. „Die große Euphorie der Monate August und September scheint aber verflogen zu sein“, sagte ZEW-Präsident Achim Wambach. „Die zuletzt stark gestiegene Zahl der Corona-Infektionen lässt die Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung ansteigen.“ Hinzu komme die Aussicht auf einen Brexit ohne Handelsvertrag und die unsichere Situation vor den Wahlen in den USA.

Neuinfektionen belasten Konsumverhalten

„Offenbar hat sich das Infektionsgeschehen direkt auf die Erwartungen der befragten Finanzmarktexperten niedergeschlagen“, kommentierte Jens-Oliver Niklasch, Volkswirt bei der Landesbank Baden-Württemberg. „In der Tat ist die größte Gefahr für die Konjunktur ein zweiter flächendeckender Lockdown.“

Nach der fulminanten wirtschaftlichen Aufholjagd im dritten Quartal herrsche nun vielerorts Tristesse, sagte Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank. Auch ohne einen Lockdown werde die steigende Zahl an Neuinfektionen das Konsumverhalten belasten. Es sei zwar kein massiver Wachstumseinbruch zu befürchten, aber ein leicht rückläufiges Bruttoinlandsprodukt sei zum Jahresende nicht auszuschließen.

In der Eurozone zeigt sich eine ähnliche Entwicklung wie in Deutschland. Der Barometer sank um 21,6 Punkte auf 52,3 Punkte.

An der Umfrage vom 5. bis 12. Oktober haben sich 171 Analysten und institutionelle Anleger beteiligt. Sie wurden nach ihren mittelfristigen Erwartungen bezüglich der Konjunktur- und Kapitalmarktentwicklung befragt. Der…