SPIEGEL: In vielen Ländern Lateinamerikas gehen die Infektionszahlen zurück. Ausgerechnet in Argentinien, das anfänglich als vorbildlich im Umgang mit der Pandemie gepriesen wurde, steigen die Zahlen dagegen an. Wie erklären Sie sich das?

Carlota Russ: Wir haben bereits Mitte März eine strikte Quarantäne im Großraum Buenos Aires verhängt. Das hat uns Zeit verschafft, unser Gesundheitssystem auf die Pandemie vorzubereiten. Mit der Zeit wurden die Restriktionen etwas gelockert, die Leute sind nach und nach wieder ihren normalen Aktivitäten nachgegangen. Die Kurve stieg jedoch weiterhin permanent an. Deshalb wurden Mitte August neue Beschränkungen erlassen, aber die Leute haben sich nicht daran gehalten. Jetzt flacht zwar die Kurve im Großraum Buenos Aires langsam ab, gleichzeitig nehmen die Fälle im Landesinneren stark zu. Das liegt daran, dass viele Menschen die Quarantänebestimmungen nicht richtig eingehalten haben: Sie sind ausgegangen, haben sich mit Freunden und Verwandten getroffen. Die Fälle haben sich multipliziert.

SPIEGEL: Gibt es genügend Betten für die schweren Fälle?

Russ: Die Intensivstationen sind allmählich voll. Im Großraum Buenos Aires wurden zwar viele neue Betten und Beatmungsgeräte angeschafft. Aber jetzt fehlt Pflegepersonal. Im Landesinneren sind die Krankenhäuser den steigenden Krankheitsfällen nicht gewachsen.

SPIEGEL: Argentinien hat einen der längsten Lockdowns Lateinamerikas hinter sich, es werden jetzt sieben Monate. Hat das die Leute überfordert?

Russ: Wir sind Latinos, wir sind nicht sehr gehorsam. Den ersten Monat ist niemand auf die Straße gegangen, auch die Kontrolle hat funktioniert. Aber je mehr das gelockert wurde, desto weniger haben sich die Leute daran gehalten. Zum Schluss waren es eigentlich nur noch die alten Leute – und selbst die gehen wieder immer öfter aus, um Verwandte oder Freunde zu besuchen. Sie behaupten, dass sie sich in Quarantäne befinden, aber das stimmt nicht: Die Straßen, Plätze und Bars sind voll….