Auf einmal durchzieht ein Hauch von Seefahrerromantik den nüchternen Büroraum mit Linoleumboden. „Da fischten bereits mein Großvater und mein Vater“, sagt Bruno Margolle, ein rüstiger 61-Jähriger mit Goldkettchen am Arm. Der Chef der Fischereikooperative in Boulogne-sur-Mer hat sein Handy gezückt und eine App aufgerufen, mit deren Hilfe sich die Route von Schiffen verfolgen lässt. Die „Nicolas Jeremy“, der Trawler, den er vor beinahe zwanzig Jahren gekauft hat und auf dem jetzt sein Sohn zur See fährt, befindet sich im Ärmelkanal vor der Südküste Englands – in britischen Gewässern.

Geht es nach Boris Johnson, soll damit künftig Schluss sein. Großbritanniens Premier ist wild entschlossen, eines der größten Versprechen einzulösen, das Brexiteers und auch er persönlich in seinem Wahlkampf den Briten gegeben haben: Das Vereinigte Königreich will die Hoheit über seine Gewässer zurück. „Unser Meer, unsere Fische“, so lautet ihr Slogan.

Für Margolle und die Fischer von Boulogne-sur-Mer ist Johnsons Verheißung eine Kampfansage. Boote aus Boulogne holen Lachs aus dem Meer vor der Küste Schottlands, sie fischen Makrelen bei Hull und Schellfisch im Ärmelkanal. „Dieser Zugang“, sagt Margolle, „ist für uns überlebenswichtig.“  60 Prozent des Fangs französischer Fischer stammt im Schnitt aus britischen Gewässern.