Eigentlich wollte Chunli Dai nur ihre neuesten Forschungsgeräte zur Erkennung von Erdrutschen testen. Doch dann stieß die Postdoktorandin der Ohio State University in Alaska auf eine in absehbarer Zeit bevorstehende Katastrophe, von der allerdings niemand genau weiß, wann sie geschieht.

Als Dai in der Bucht Prinz-William-Sund den Barry-Gletscher untersuchte, konnte sie es nicht glauben: Ein riesiger Berghang nahe dem Gletscher bewegte sich langsam, fast unmerklich nach vorn. Ihr wurde schnell klar: Wenn die Erdmassen plötzlich in den schmalen Fjord hinunterstürzen, wird das einen extrem großen Tsunami erzeugen. Die Form des Fjords würde die Welle dabei verstärken.

Auch nach mehrmaligem Nachrechnen blieben die Zahlen schwindelerregend: Die Fallhöhe, das Volumen der Erdmassen und der Neigungswinkel ergaben, dass der beim Herabrutschen ausgelöste Tsunami eine Welle von mehreren Hundert Metern Höhe auslösen wird.

Fischerdorf zerstört

Das könnte sogar den größten jemals beobachteten Tsunami übertreffen: Im Jahr 1958 löste im alaskischen Lituya Bay ein Erdbeben einen Tsunami aus, weil Millionen Kubikmeter Feld aus einer Höhe von 600 Metern in den Fjord stürzten. Die Welle des Tsunamis gilt mit 500 Metern als eine der größten überhaupt.

Augenzeugen sprachen damals von einem Ereignis wie nach einem Atombombeneinschlag, weil die Wucht auch noch in Kilometern Entfernung Bäume entwurzelte. Die Lituya Bucht liegt nur rund 500 Kilometer südöstlich des aktuellen Tsunami-Hotspots.

Tsunamis gibt es in der Arktis öfter. Erst vor wenigen Jahren zerstörte in Grönland eine gewaltige Welle ein Fischerdorf und tötete mehrere Menschen.

Klimawandel als Ursache von Erdrutschen

Die Erdmassen am Barry-Gletscher bewegen sich auch deshalb schneller Richtung Fjord, weil der Gletscher sei Jahren schrumpft. Durch steigende Durchschnittstemperaturen ist nur noch rund ein Drittel der früheren Eisbedeckung übrig geblieben. Die Sommer in der Arktis werden länger, die Winter sind…