Norbert Henze, 69, frisch pensionierter Professor für Stochastik am Karlsruher Institut für Technologie, über Tücken in Corona-Statistiken und Lücken im Matheunterricht

SPIEGEL: Herr Henze, täglich wird die Öffentlichkeit mit neuen Corona-Statistiken bombardiert, nach der Reproduktionszahl R ging es viel um dem Dispersionsfaktor k und um die sogenannte Perkolation. Wieso haben wir nichts von alldem in der Schule gelernt?

Henze: Machen wir uns nichts vor, schon die genauere Analyse der Reproduktionszahl würde den Schulunterricht überfrachten. Ich wäre schon heilfroh, wenn wir alle Schüler wenigstens mit einem soliden statistischen Grundverständnis entlassen könnten.

SPIEGEL: Zu Beginn der Covid-19-Pandemie wurde viel über das mathematische Wunder des exponentiellen Wachstums gestaunt: Aus 2 Infizierten werden 4, dann 8, dann 16.

Henze: Na ja, das wird durchaus in der Schule gelehrt. Aber Sie sprechen ein Grundproblem an. In den Gymnasien wurde in der Mathematik über Jahrzehnte „intellektuell abgerüstet“, was Inhalte betrifft. Mit dem wenigen Wissen, das jetzt noch vorhanden ist, wird oft durch umfangreiche Textaufgaben, in denen an den Haaren herbeigezogener vermeintlicher Anwendungsbezug verpackt ist, Stoff der Mittelstufe auf Abiturniveau gehoben.