Was sich am Sonntag auf den Straßen in Minsk abspielte, erinnerte in Teilen an die Gewalt kurz nach der Präsidentschaftswahl vor zwei Monaten. Sicherheitskräfte gingen härter und aggressiver als in den Wochen zuvor gegen friedliche Demonstranten vor, die sich versammeln wollten. Sie attackierten friedliche Demonstranten mit Fäusten und Schlagstöcken, selbst wenn sie schon am Boden lagen. Sie zündeten Blendgranaten inmitten von Menschenmengen, setzten Pfefferspray gegen Protestierende ein, jagten sie mit vorgehaltenen Waffen, mit denen sie Gummigeschosse abfeuern können.

Belarussische Reporterinnen und Reporter versuchten am Sonntag das Geschehen zu dokumentieren, wenn sie denn noch arbeiten konnten. Bereits zu Beginn des „Marsches des Stolzes“, zu dem der oppositionelle Telegram-Kanal Nexta landesweit aufgerufen hatte, wurden Dutzende von ihnen abgeführt, darunter auch russische Berichterstatter. Damit ging das Regime abermals gezielt gegen Journalisten vor. Ingesamt wurden laut Menschenrechtlern rund 300 Menschen, Medienvertreter und Demonstranten, in Belarus festgenommen, viele bereits zu Beginn der Proteste.

Schließlich zogen dennoch allein in Minsk Zehntausende Protestierende durch die Stadt. Die genaue Zahl der Demonstranten war schwer zu schätzen, auch weil die Einsatzkräfte die Gruppen auseinandertrieben.

Lukaschenko hält Treffen mit Gegnern ab

Belarus erlebte ein Wochenende der unterschiedlichen Botschaften. Am Samstag hatte sich Machthaber Alexander Lukaschenko mit inhaftierten Mitgliedern der Opposition, darunter Wiktor Babariko, gezeigt. Er hielt das viereinhalbstündige Treffen im Untersuchungsgefängnis Nr. 1 seines Geheimdienstes KGB ab, wie der Telegram-Kanal „Pool des Ersten“ mitteilte, der Lukaschenko nahesteht. Auch ein kurzes Video wurde veröffentlicht.

Es war das erste Mal überhaupt, dass der Machthaber solche Bilder mit politischen Gegnern veröffentlichen ließ. „Das Treffen kam für alle überraschend“, sagt die Politologin Olga Dryndova dem…