SPIEGEL: Herr Ruser, China hat in seiner westlichen Region Xinjiang rund eine Million Uiguren und andere Muslime in Lager gesteckt. Peking behauptet, die meisten davon seien mittlerweile freigelassen. Können Sie das bestätigen?

Personenkasten Nathan Ruser

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Foto: ASPI

Der Australier Nathan Ruser, Jahrgang 1997, landete seinen ersten Coup, als er noch Internationale Sicherheitspolitik in Canberra studierte: Er enthüllte die Standorte von US-Soldaten in Syrien und der Sahara, indem er die Geodaten von Usern einer Fitness-App analysierte. Heute arbeitet er für das Australian Strategic Policy Institute, für das er mithilfe von Satellitenbildern bereits die Menschenrechtsverbrechen an den Rohingya in Myanmar belegt hat.

Ruser: In der offiziellen Darstellung der chinesischen Regierung steckt ein wahrer Kern, was wohl der Grund dafür ist, weshalb diese Desinformation ziemlich stark verfangen hat. Insbesondere aus Lagern mit niedrigen Sicherheitsstandards sind in der Tat Menschen entlassen worden, etwa eine nicht unerhebliche Zahl ethnischer Kasachen, die auf Druck Kasachstans freikamen. Aber dies verschleiert die Tatsache, dass die Politik der Internierungen in Xinjiang fortwährt und offenbar auf Dauer angelegt ist.

SPIEGEL: Wie kommen Sie zu dieser Schlussfolgerung?

Ruser: Wir haben uns in der Nacht aufgenommene Satellitenbilder angesehen. An vielen Orten, wo Xinjiang vor Beginn der Razzien 2017 noch dunkel gewesen war, leuchteten plötzlich Lichter auf. Manche entpuppten sich als Autobahn-Checkpoints, andere als Gasfackeln aus der Rohstoffförderung. Aber ein Teil davon waren Lager.

Auf- und Ausbau eines Lagers in Kucha

Lager in Kucha/Quelle: Australian Strategic Policy Institute

SPIEGEL: Woher nehmen Sie die Sicherheit, dass Sie Lager entdeckt haben und nicht irgendwelche anderen Neubauten?

Ruser: Unser Ausgangspunkt war es, Luftbilder zu analysieren, von denen wir sicher wussten, dass sie Lager zeigen – weil Augenzeugen oder…