Eine der ersten Erinnerungen, die ich an meinen Vater habe, stammt aus der Zeit, als ich vier Jahre alt war. Damals, 1989, dachte er, es wäre eine gute Idee, mir ein Poster mit den Ländern der Welt und ihren Flaggen zu schenken. Er brachte sie mir alle bei, einschließlich der Namen ihrer Hauptstädte.

Eine der Flaggen, die ich am liebsten mochte, war die deutsche – nicht, weil ich besonders beeindruckt gewesen wäre von ihren Farben, sondern weil der Name der Hauptstadt für mich als Israelin am einfachsten auszusprechen war: Bonn. Da wusste ich noch nicht, dass ich 2014, fast drei Jahrzehnte später, einmal Fuß fassen würde in dieser Stadt – dann schon nicht mehr politische Hauptstadt dessen, was heute einfach nur noch „Deutschland“ heißt. 

1989 war Bonn noch Teil Westdeutschlands (offiziell: die Bundesrepublik Deutschland oder BRD), ein von der Deutschen Demokratischen Republik (der DDR oder Ostdeutschland) getrenntes Land, das Ostberlin zur Hauptstadt hatte.

Ostdeutsche Grenzsoldaten reißen im November 1989 einen Teil der Berliner Mauer ein

Viele Jahre gingen ins Land, doch was ich nach meinem Umzug hierher rasch gelernt habe, ist, dass die geografische Teilung von Ost und West, die bis 1990 existierte, zwar aus den Karten dieser Welt verschwunden sein mag – aus den Köpfen der Menschen jedoch nicht in gleichem Maße. Folgendes habe ich als Fremde darüber gelernt:

Es liegt an der Wirtschaft

In dem Gebiet, das früher Ostdeutschland hieß, leben viel weniger Menschen, als als im ehemaligen Westen (ungefähr 16 Millionen im Vergleich zu 67 Millionen); doch selbst wenn die Bevölkerungsungleichheit herausgerechnet würde, sei die Leistungsfähigkeit laut einer Studie des Pew Research Center von 2019 geringer.

Menschen im früheren Ostteil des Landes verdienen lediglich 86 Prozent des nachsteuerlichen Einkommens ihrer westlichen Mitbürger. Die durchschnittliche Arbeitslosenrate betrug 2019 6,9 Prozent, während sie im früheren Westen bei 4,8 Prozent lag.