Ursula von der Leyen geizte im Brüsseler EU-Parlament nicht mit Pathos. „Wir müssen uns selbst in die Welt von morgen treiben“, sagte die EU-Kommissionspräsidentin in ihrer ersten Rede zur Lage der Union. Nirgendwo sei es nötiger, schneller zu handeln als bisher. Selbst als die Coronakrise große Teile der Welt zum Stillstand brachte, habe sich die Erde weiter „gefährlich aufgeheizt“. Evakuierungen wegen des drohenden Gletscherabbruchs am Montblanc, Waldbrände in den USA, schwere Ernteschäden wegen einer rekordverdächtigen Dürre in Rumänien zeigten: Die EU muss Ernst machen.

Der Klimaschutz sollte das Glanzstück der Amtszeit von der Leyens werden, dann kam das Coronavirus. Jetzt meldet sich die Klimapräsidentin zurück – und will der EU ein deutlich verschärftes Klimaziel verordnen.

Bis zum Jahr 2030 soll der Treibhausgas-Ausstoß um mindestens 55 Prozent gegenüber dem Vergleichsjahr 1990 sinken, statt wie bisher um 40 Prozent. Es wäre, vorsichtig ausgedrückt, ehrgeizig: In den vergangenen 30 Jahren wurde lediglich eine Reduzierung um 25 Prozent geschafft, für die restlichen 30 Prozent blieben damit nur noch zehn Jahre.

Sie wisse, „dass das für die einen zu viel und für die anderen zu wenig sein wird“, sagte von der Leyen. Aber es müsse sein, wolle die EU ihr Ziel erreichen, bis zum Jahr 2050 der erste klimaneutrale Kontinent der Welt zu sein. Bei genauerem Hinsehen aber stellt sich heraus: Die Verschärfung des Klimaziels wird wohl kleiner ausfallen als versprochen – weil die Kommission jetzt die Methode der Berechnung ändert.

Rechentrick spart mehrere Prozentpunkte

Um das neue 2030-Ziel auf den Weg zu bringen, muss die Kommission ihren im März vorgestellten Entwurf für ein Klimagesetz ändern. Im noch unveröffentlichten Änderungstext, der dem SPIEGEL vorliegt, findet sich eine wichtige Neuerung: Die Landnutzung – also die CO2-Aufnahme etwa von Wäldern, Böden oder Feuchtgebieten – soll nun von den Emissionen abgezogen werden. Im Gesetzentwurf vom…