Am Ende, nach weit über einer Stunde, richtet Ursula von der Leyen einen Appell an ihre Zuhörer im Europaparlament, oder besser: an alle Europäer. „Reden wir Europa nicht schlecht“, sagt sie, „arbeiten wir daran.“ 

Gemessen an diesem, ihrem eigenen Anspruch hat Ursula von der Leyen am Mittwochvormittag vor dem Europaparlament eine nahezu perfekte Rede gehalten. Aber eben nur nahezu.  

Von der Leyen startet auf Französisch, eine kleine Verneigung vor dem Parlamentssitz Straßburg, wo die Rede hätte eigentlich stattfinden müssen, wenn die Abgeordneten ihren Wanderzirkus wegen der Corona-Warnungen nicht abgesagt hätten. Sie dankt Krankenschwestern, Pflegern, Ärzten und wendet sich dann an Europas Bürgerinnen und Bürger: „Die Menschen wollen aus dieser Corona-Welt heraustreten – das ist der Moment Europas.“

Damit ist im Brüsseler Plenarsaal das Thema gesetzt für von der Leyens erste Rede zur Lage der Europäischen Union. Natürlich wirkt diese Anleihe beim jährlichen „State of the Union“-Auftritt des US-Präsidenten vor dem Kongress etwas größenwahnsinnig, schließlich ist die Kommissionspräsidentin keine Staatschefin. Dennoch ist der Termin nach diesem trüben Corona-Sommer eine gute Gelegenheit, um zu sehen, was von der Leyen mit der EU vorhat.

Von der Leyen spannt den Bogen vom Lockdown zum grünen Deal. „Obwohl die Welt während der Ausgangssperren weitgehend stillstand, nahm die Erderwärmung weiter gefährlich zu“, sagt sie und schlägt wie erwartet vor, „die Zielvorgabe für das Einsparen der Emissionen bis 2030 auf mindestens 55 Prozent anzuheben“. Der Grüne Deal, von der Leyens Vorzeigeprojekt, soll im Zentrum stehen, wenn es darum geht, Europa aus der Wirtschaftsflaute herauszuführen. Grüne Bonds, grüne Projektfinanzierung: „Das ist der Plan für einen echten Wiederaufbau.“

Und von der Leyen ruft nicht nur den grünen Umbau der Wirtschaft aus, sondern gleich eine „digitale Dekade“ für die EU. „So schaffen wir die Welt von morgen“, sagt sie….