Ist das Glas halbvoll – oder halbleer? Der Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit hat ähnliche Funktionen wie ein Schulzeugnis: Er soll anspornen, was durch maßvollen Tadel, einige drastische Beispiele und Hinweise auf Verbesserungspotenzial geschieht. Aber er darf auch nicht entmutigen, weshalb es an lobenden Worten, an Zuversichtsparolen, und an schmeichelhaften Vergleichen nicht fehlt.

Thema Nummer 1: Die Wirtschaft

Die Daten aus dem Osten Deutschlands seien „gut, aber noch nicht gut genug“. Nach wie vor fehlten hier Konzernzentralen und große Mittelständler, beklagt der Bericht. Die traditionell ländlichere Prägung und der Bevölkerungsrückgang in vielen Regionen machten die Aufholjagd mühsam. „Auch 30 Jahre nach dem Fall der Mauer hat noch kein Flächenland der neuen Bundesländer das Niveau des westdeutschen Landes mit der niedrigsten Wirtschaftskraft erreicht.“ Der ökonomische Vergleich mit Schleswig-Holstein betrachtet das Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner im Jahr 2019.

„Erhebliche Sorgen“ Ostbeauftragter Marco Wanderwitz (Archivbild)

Nach diesem Maßstab lag die durchschnittliche Wirtschaftskraft des Ostens inklusive der Hauptstadt Berlin bei 79,1 Prozent des gesamtdeutschen Durchschnitts. Sieht man aber auf die verfügbaren Haushaltseinkommen, hellt sich das Bild etwas auf: Sie erreichten 2018 rund 88,3 Prozent des Bundesdurchschnitts. Einzelne Länder wie Sachsen und Brandenburg konnten bereits zum Niveau des einkommenschwächsten westlichen Landes, des Saarlands, aufschließen.

„Höhere Wirtschaftskraft als in Polen“

Weil der Jahresbericht Mut machen soll, belässt er es nicht bei diesen Werten, sondern richtet den Blick über die deutschen Grenzen: „Die ostdeutschen Regionen verfügen … über eine Wirtschaftskraft, die beispielsweise mit der in vielen französischen Regionen vergleichbar ist und deutlich höher liegt als beispielsweise in Polen.“ Die Stadtregion Leipzig etwa erreicht 99 Prozent des europäischen BIP pro Kopf.

Blühende…