Es ist das eherne Gesetz jedes Wirtschaftsprüfers: Niemals öffentlich über ein Mandat sprechen. Das gilt auch für die Kontrolleure von EY. Nur, dass diese Regel in den vergangenen Monaten für das Unternehmen zu einer immer größeren Belastung geworden ist.

Denn seit dem Zusammenbruch des Zahlungsabwicklers Wirecard, dem EY über viele Jahre den Jahresabschluss testiert hatte, stehen die Wirtschaftsprüfer in der Öffentlichkeit blamiert da. Sie dürfen nur nicht wirklich etwas sagen, zumindest nichts Konkretes, um sich zu verteidigen.

Doch jetzt hat sich das Management entschlossen, das Schweigen zu brechen. Zumindest den Kunden gegenüber, zu denen unter anderem die Deutsche Bank, Siemens und Volkswagen zählen. Erstmals nimmt EY in dem Schreiben Stellung zu den Vorwürfen, zu nachlässig geprüft zu haben, womöglich sogar Teil des betrügerischen Treibens gewesen zu sein, an dessen Ende sich 1,9 Milliarden Euro angeblichen Vermögens in Luft aufgelöst hatten. Das Schreiben liegt dem SPIEGEL vor.

„Viele Menschen glauben, der Betrug bei Wirecard hätte früher aufgedeckt werden sollen, und wir verstehen das voll und ganz“, schreibt der globale EY-Chef Carmine Di Sibio. Er versichert, wie ernst man die Vorwürfe gegen die Firma nehme. „Obwohl wir erfolgreich waren, den Betrug aufzudecken, bedauern wir, dass er nicht früher aufgedeckt wurde.“

Man sei einem mit aufwendigen und ausgeklügelten Betrugssystem konfrontiert gewesen, das nicht nur EY, sondern auch Investoren, Banken, juristische und forensische Prüfer und staatliche Aufseher lange Zeit nicht durchschaut hätten. Als EY Bankbestätigungen für Treuhandkonten von Wirecard anforderte, hätte man gefälschte Bankdokumente vorgelegt bekommen, schreibt Di Sibio. Er nimmt für seine Leute in Anspruch, die Bilanzfälschung im Juni dieses Jahres aufgedeckt zu haben – und nicht die Prüfer von KPMG, die seit Oktober 2019 eine Sonderprüfung vorgenommen hatten.

Vorschläge für eine Art Reform

Damit künftig solche…