Trotz Corona ist Abdallah Erin, der Gouverneur der türkischen Provinz Sanliurfa, für diesen besonderen Anlass nach Nordsyrien gekommen: Am 23. Juni weiht er in der Stadt Ras al-Ain im Namen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan eine Koranschule ein, die von der türkischen Organisation IHH, der Stiftung für Menschenrechte, Freiheiten und Humanitäre Hilfe, betrieben wird. Offiziell ist die IHH eine Nichtregierungsorganisation, doch manche Beobachter vermuten, dass sie inzwischen den Zielen der türkischen Regierung dient. 

Direkt nach dem Besuch des türkischen Gouverneurs werden Aufnahmen der Einweihungszeremonie in sozialen Medien veröffentlicht. In Deutschland wundert sich eine geflüchtete syrisch-kurdische Familie: Das ist doch ihr Zuhause, das da zur Koranschule erklärt wird? Die zwei Familienhäuser waren im November 2019 von syrischen Milizen, die mit der Türkei verbündet sind, beschlagnahmt worden. Man könnte auch sagen: gestohlen.

Schon seit Längerem mehren sich die Berichte über Verbrechen, die mit der Türkei verbündete Kämpfer der „Syrischen Nationalen Armee“ begehen. Lange vermutete man dahinter das kriminelle Verhalten einzelner Banden. Doch nun macht erstmals ein Uno-Bericht die türkische Regierung dafür mitverantwortlich. Denn, so heißt es in dem Bericht, die Gebiete seien „effektiv unter türkischer Kontrolle“. Zudem seien viele der Verbrechen keine Einzeltaten, sondern zeugten vielfach von „systematischem“ und „koordiniertem“ Vorgehen.

Uno nimmt Türkei in die Pflicht

Die Liste der Vergehen der türkischen Verbündeten in Nordsyrien in dem Uno-Bericht ist lang:

Plünderungen: Vor allem kurdischen Familien wurde Geld gestohlen oder ganze Stromgeneratoren, Türen oder Fenster aus dem Haus geklaut. In den Städten Afrin und Ras al-Ain wurden überwiegend kurdischen Familien ihre Häuser weggenommen. Die türkischen Kräfte waren darüber informiert und griffen nicht ein.

Folter: Syrische Zivilisten überwiegend kurdischer Herkunft wurden…