Noch nie hatten die Verlage so viele Bücher eingereicht. Von 200 Romanen hatten es zwanzig auf die Longlist geschafft. Darunter waren große Namen wie Robert Seethaler oder Frank Witzel; auch Leif Randt mit seinem Zeitgeist-Roman „Allegro Pastell“ hatte schon viel Aufmerksamkeit erregt. Die Auswahl, die die Jury jetzt für die Shortlist des Deutschen Buchpreises getroffen hat, ist eine faustdicke Überraschung. Keiner der literarischen Stars hat es unter die letzten Sechs geschafft. Statt dessen findet sich dort Historisch-Dokumentarisches, Fantastisches, ein Epos und zwei Ich-Romane, die in düstere Identitätsabgründe blicken. Eine mutige Auswahl, die wir Ihnen hier vorstellen.

Bov Bjerg

Bov Bjerg: Serpentinen

Ich hatte alles falsch gemacht.
Vorbei.
Das Scheitern war zu Ende.
Ich ließ den Jungen nicht allein.
Ich tat, was schwer, doch richtig war. Verantwortung gegen Gesinnung.
Danach durfte ich tun, was leicht war.

In seinem zweiten Roman konfrontiert Bov Bjerg sein erzählendes Ich mit der familiären Tradition des Unglücks: Sein Vater, Großvater und Urgroßvater haben sich umgebracht. Jetzt will der Soziologieprofessor seinen kindlichen Traumata entgehen, um nicht auch das Leben des eigenen Sohnes zu ruinieren. Im Urlaub mit dem Jungen folgt er immer wieder den Serpentinen der Straße hinauf auf die Schwäbische Alb, immer in Gefahr abzustürzen, immer begleitet von der bohrenden Frage des Sohnes: „Worum geht es?“ Wie in den engen Kurven des Albaufstiegs gefangen, entkommt auch der Vater kaum seiner düsteren Wut und Sprachlosigkeit.

Bov Bjerg wurde 1965 im schwäbischen Heiningen geboren. Er wechselte seinen Namen, hieß einst Rolf Böttcher. „Serpentinen“ hat mit dieser Herkunft viel zu tun. Ein karger, finsterer und doch faszinierender Roman.

Bov Bjerg: Serpentinen. Roman, Claassen Verlag, Berlin 2020. 267 Seiten

Dorothee Elmiger

Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik

Sein Verlust, der Konkurs, wäre unter diesen Umständen fast bewundernswert: Folge seines…