Schwesig: Ich unterstütze die Forderung der Bundesregierung, dass der Fall Nawalny vollständig aufgeklärt werden muss. Da ist jetzt Russland am Zug. Aber dieses Verbrechen darf nicht dazu benutzt werden, Nord Stream 2 infrage zu stellen. 

SPIEGEL: Sie widersprechen also Ihrem Außenminister.

Schwesig: Ich habe Heiko Maas nicht so verstanden, dass ein Baustopp für ihn jetzt die erste Option ist. 

SPIEGEL: Vielleicht nicht die erste Option. Aber er sagt, er hoffe, dass Russland die Bundesregierung nicht zwinge, ihre Haltung zu ändern. Das klingt bei Ihnen anders.

Schwesig: Der Außenminister kritisiert wie ich, dass jene, die nun einen Baustopp fordern, schon immer gegen das Projekt waren. 

SPIEGEL: CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer sagt, Nord Stream 2 sei für sie „kein Herzensprojekt“. Warum ist das bei Ihnen anders?

Schwesig: Die Ostseepipeline ist ein notwendiges Infrastruktur- und Energieversorgungsprojekt. Deutschland steigt richtigerweise aus der Atomenergie und der Kohle aus. Im Gegenzug setzen wir stark auf die erneuerbaren Energien. Mecklenburg-Vorpommern deckt seinen Strombedarf schon heute vollständig aus Windkraft und Co. Aber Deutschland ist eine Industrienation mit mehr als 80 Millionen Einwohnern. Wir brauchen zumindest für den Übergang Gas für eine sichere Energieversorgung in Deutschland.

SPIEGEL: Das erklärt noch nicht, warum Sie so an diesem Projekt hängen.

Schwesig: Wenn wir auf das Gas aus Russland verzichten, bliebe als Alternative nur Fracking-Gas aus den USA. Das ist mit Sicherheit ökologisch die schlechtere Alternative und zudem noch teurer. Ich würde mir in der Frage der Energieversorgung mehr Ehrlichkeit wünschen. Schon vor dem Fall Nawalny gab es massive Versuche der USA, Nord Stream 2 zu stoppen. Die Mitarbeiter in unserem Hafen Mukran sind verunsichert, weil US-Senatoren mit Sanktionen drohen. Das zeigt, mit welcher Härte die USA vorgehen, während sie zugleich mehr Öl aus Russland importieren. Es geht um knallharte…