Zu Beginn der nächsten Brexit-Verhandlungsrunde – der inzwischen achten – hat der britische Delegationsleiter David Frost am Dienstag mehr „Realismus“ von der EU gefordert. Das ist hübsch gesagt, aber doch auch unfreiwillig komisch. Denn auf EU-Seite fragt man sich schon lange, wie das gehen soll: realistisch bleiben angesichts eines Verhandlungspartners, der sich die Wirklichkeit praktisch im Wochenturnus neu zurechtbiegt.

Das jüngste Meisterstück in der Kunst der Realitätsverweigerung fertigte Boris Johnsons Regierung am Montag. Da bestätigte sie, dass sie noch diese Woche ein Gesetz vorlegen werde, das die völkerrechtlich verbindliche Einigung mit der EU zu Nordirland –­­ dem kniffligsten aller Brexit-Streitfälle – in Teilen zunichte machen könnte. Nach dreijährigem zermürbendem Gezerre würden alle zurück auf Los gehen. Aber keiner ins Gefängnis.

Das sah auch Johnson so. Bis er Premierminister wurde.

So deprimierend, frustrierend oder auch schockierend das sein mag, wirklich überraschend ist es nicht. Denn in Sachen Nordirland ist Boris Johnson Wiederholungstäter.

Zur Erinnerung: Wie es an der Grenze von Nordirland nach dem britischen EU-Austritt weiter gehen soll, war schon immer die Millionenfrage im leidigen Brexit-Quiz. Denn bei ihr geht es nicht nur um Geld und Infrastruktur, sondern um den Frieden auf einer leidgeprüften Insel. London und Brüssel waren sich daher im Prinzip von Anfang an einig, dass es künftig keinesfalls eine harte, sichtbare Barriere zwischen Nordirland und der Republik Irland  im Süden geben dürfe, wie auch immer der Brexit am Ende aussehen werde.

Die glücklose Theresa May versuchte es daher mit der sogenannten Backstop-Lösung. Großbritannien und Nordirland wären demnach übergangsweise in einer Zollunion mit der EU verblieben. Die Alternative – eine Zollgrenze durch die Irische See, mit Warenkontrollen zwischen Nordirland und den anderen Teilen des Königreichs – sei keine, verkündete May: Kein Premierminister…