Der Prozess gegen Amerikas Staatsfeind ist bereits eine Viertelstunde überfällig, als ein Gerichtsmitarbeiter in Londons Zentralem Strafgerichtshof zum Telefon greift: „Wäre es möglich, Herrn Assange hierherzubringen?“ Es ist 10.15 Uhr an diesem Montagmorgen, und die wenigen Menschen, die es trotz Corona und trotz scharfer Sicherheitsvorkehrungen in den ehrenwerten Justizpalast Old Bailey geschafft haben, sind schon jetzt erkennbar unruhig.

Draußen haben sich Dutzende Demonstranten versammelt mit Transparenten wie „Journalismus ist kein Verbrechen“. Drinnen, in einem holzgetäfelten Saal ohne natürliches Licht, ist es unerträglich heiß. Man will den Tag offenbar gern schnell hinter sich bringen.

Zehn Minuten später wird dann tatsächlich Julian Assange hereingeführt. Er trägt eine rote Krawatte zum blauen Anzug, hat die weißen Haare an den Seiten kurz geschoren, bestätigt knapp, dass er wirklich Julian Assange ist, dann nimmt er Platz auf seiner Anklagebank hinter Glas.

US-Justiz will ihn wegen Spionage und Verschwörung verurteilen

Der 49-Jährige wird dort, wenn nichts dazwischenkommt, in den kommenden vier Wochen täglich sitzen. Danach wird ein Stück klarer sein, ob sich der Gründer der Enthüllungsplattform WikiLeaks Hoffnung machen darf, je wieder ein freier Mann zu sein. Oder ob er nach jahrelanger Flucht letztlich doch an die US-Justiz ausgeliefert wird, die ihn wegen Spionage und Verschwörung verurteilen will – mögliche Höchststrafe: 175 Jahre Gefängnis.

Das Londoner Auslieferungsverfahren war im Frühjahr wegen der Corona-Pandemie unterbrochen worden. Assange sitzt deshalb bereits seit mehr als 16 Monaten im Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh, wo sich sein Gesundheitszustand verschlechtert haben soll. Die britische Polizei hatte ihn am 11. April 2019 in den Räumen der ecuadorianischen Botschaft verhaftet. Dorthin war Assange fast sieben Jahre zuvor geflüchtet, um sich der möglichen Auslieferung in die USA zu entziehen.

Das US-Justizministerium…