1. Wo ist Marija Kolesnikowa?

Die Symbolfigur der belarussischen Opposition ist seit heute Vormittag nicht mehr zu erreichen. Zeugen haben beschrieben, wie die 38-jährige in der Nähe des Kunstmuseums von Minsk in einen Kleinbus gezerrt wurde. Auch andere Mitstreiter der Opposition sind heute in Minsk verschwunden. Kolesnikowa ist die letzte prominente Vertreterin des Widerstands gegen Lukaschenko, die noch in Belarus ausgeharrt hat. Die örtliche Polizei hat dementiert, Kolesnikowa festgenommen zu haben. Es steht zu vermuten, dass die Opposition durch solche Aktionen eingeschüchtert werden soll. Und da wir auch genügend Berichte aus den Gefängnissen Lukaschenkos kennen, muss man sich um ihre körperliche und seelische Unversehrtheit sorgen.

Der Mut der Menschen, die in Belarus protestieren, ist ehrlich bewundernswert. Nun muss Europa ihnen beistehen, auf eine Klärung des Vorgangs und eine Freilassung von Frau Kolasnikowa drängen. Aus Washington, Moskau oder Peking gibt es keinen Rückenwind für diese Demokratiebewegung, auch keine für andere Freiheitsbewegungen, im Gegenteil. Europa steht gerade recht allein da – umso wichtiger ist unsere Entschlossenheit. Die half schon David gegen Goliath.

2. Versteht einer Boris Johnson?

Bald beginnt das Wintersemester, sollte es ein Seminar geben zum Thema „Interpretation des Denkens und der Frisur Boris Johnsons I“ – ich würde es besuchen. 

Der britische Premierminister stellt nach Zeitungsberichten die mit der EU schon getroffenen Vereinbarungen bezüglich Nordirlands wieder infrage. Das gab heute naturgemäß ernste Tweets von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Kann man Johnson noch ernst nehmen? Verlangt er als nächstes, alle Verträge ohne Vokale zu verfassen? Nun geht das Spekulieren und Deuten los: Möchte Johnson nur bluffen? Soll die europäische Seite zermürbt werden durch immer neue Volten – wie ein Schachspieler, der sein Gegenüber durch Marotten, Tiks und Zuckungen ablenkt? Soll in diesem Chaos dann ein…