SPIEGEL: Herr Gehl, seit Jahren proklamieren sie den menschenfreundlichen Stadtumbau. Waren Städte vor Corona denn menschenfeindlich?

Jan Gehl: Viele Orte schon. Aber man muss sagen, dass sich seit einigen Jahren auf der ganzen Welt etwas tut. Ich meine nicht nur Kopenhagen. Auch Städte wie New York, Shanghai oder auch Moskau sind heute viel mehr an ihren Bewohnern und deren Bedürfnissen interessiert und orientiert: Ruhe, saubere Luft, gutes, lokales Essen, Orte zum Zusammensein. Im australischen Sydney etwa sind Teile der Innenstadt für Autos gesperrt, es gibt eine Fußgängerzone – und eine Straßenbahn. Ähnliches sehen wir auch in Deutschland.

SPIEGEL: Moskau, eine grüne, ruhige Stadt mit guter Luft und sozialer Durchmischung? Da muss mir etwas entgangen sein. 

Gehl: Moskau ist tatsächlich auf einem guten Weg. Aber Stadtumbau dauert natürlich. Deswegen ist es auch vermessen, zu glauben, wir Architekten und Stadtplaner könnten nun die Antwort auf Corona liefern. Die müssen schon Ärzte und Wissenschaftler geben. Aus stadtplanerischer Sicht ist die Pandemie eher eine Bodenwelle – sie rüttelt uns hoffentlich auf, damit wir anschließend schneller weiter in die richtige Richtung fahren.