Vor 98 Jahren, am 30. August, gewann die Türkei unter Mustafa Kemal Atatürk den Unabhängigkeitskrieg gegen Griechenland. Elf Jahre später schlug Eleftherios Venizelos, Griechenlands Premier, Atatürk für den Friedensnobelpreis vor. Es ist, darauf wies der Journalist Piotr Zalewski auf Twitter hin, gerade ein guter Zeitpunkt, an beide Ereignisse zu erinnern.

Selten seit 1922 waren die beiden Nachbarn einem weiteren Krieg so nah. Seit Wochen streiten beide Länder um Territorien und Rohstoffe im östlichen Mittelmeer. Sowohl Türken wie Griechen haben ihre Marine in Stellung gebracht. Und keine der beiden Seiten scheint bereit zu sein, nachzugeben.

„Faktor der Destabilisierung“

Der griechische Außenminister nannte die Türkei diese Woche einen „Unruhestifter“ und einen „Faktor der Destabilisierung der Region“. „Falls jemand den Preis dafür zahlen will, kann er sich gern mit uns anlegen, sagte Recep Tayyip Erdogan, der türkische Präsident.

Erdogan, der mächtigste türkische Staatschef seit Republikgründer Atatürk, steht unter Druck. Die türkische Wirtschaft ist im zweiten Quartal um 9,9 Prozent geschrumpft – so stark wie noch nie. Erdogans Umfragewerte sind im Keller, die Metropolen Istanbul, Ankara und Izmir werden schon jetzt von der Opposition regiert.

Es wäre jedoch falsch, Erdogans Vorgehen im Mittelmeer ausschließlich mit innenpolitischen Motiven zu erklären. Seine Haltung gegenüber Griechenland wird von einer Mehrheit der Türken geteilt. Sie fühlen sich durch die Grenzziehung im Mittelmeer übervorteilt. Und die aktuelle außenpolitische Doktrin geht auf einen kemalistischen Offizier zurück.

Tatsächlich ist vor allem das Ausmaß der sogenannten „Ausschließlichen Wirtschaftszonen“ (AWZ) umstrittenen, also jener Gewässern, zu denen Staaten exklusiven Zugang besitzen. Griechenland leitete von sämtlichen seiner Inseln eine AWZ im Radius von 200 Kilometern ab, was dazu führt, dass die Türkei trotz ihrer langen Küste nur über eine kleine AWZ verfügt. Ein…