SPIEGEL: Die Kanzlerin hat wegen des Giftanschlags auf Alexej Nawalny deutliche Worte an Russland gerichtet. Haben Sie dem etwas hinzuzufügen?  

Baerbock: Das ist ein Mordanschlag, aus dem Kreml gesteuert, gegen den Oppositionspolitiker Alexej Nawalny. Deshalb ist es richtig, dass Angela Merkel scharfe Worte gefunden hat. Aber Worte allein genügen nicht. Jetzt müssen Taten folgen. Es gibt eine Serie von russischen Auftragsmorden und Mordanschlägen. Da können wir Europäer nicht einfach zum Tagesgeschäft übergehen.

SPIEGEL: Was heißt das konkret?

Baerbock: Eine klare Antwort der Bundesregierung wäre, das Projekt Nord Stream 2 unverzüglich zu stoppen. Die Bauarbeiten in Mecklenburg-Vorpommern sollten dauerhaft eingestellt werden.

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Foto: Michael Kappeler/ DPA

Die Grünen-Politikerin Annalena Baerbock, Jahrgang 1980, ist seit Ende Januar 2018 Vorsitzende der Partei. Baerbock sitzt seit 2013 im Bundestag und war dort unter anderem klimapolitische Sprecherin der Fraktion. Von 2009 bis 2013 war Baerbock, die mit ihrer Familie in Potsdam lebt, Landesvorsitzende der Grünen in Brandenburg.

SPIEGEL: Aber die Pipeline ist doch bereits fast fertiggestellt.

Baerbock: Die Rohre, die jetzt schon in der Ostsee liegen, sind derzeit unser kleinstes Problem. Dieser Mordanschlag wurde verübt, um kritische Stimmen kaltzustellen, die in Russland mafiöse Strukturen aufdecken, und er war auch eine deutliche Warnung an die mutigen Menschen in Belarus. Nord Stream 2 ist auch nicht irgendeine Gasleitung. Die Pipeline spaltet Europa. Sie ist eine Wette gegen die europäischen Klimaziele und das Gegenteil von energiepolitischer Diversifizierung. Hinter Nord Stream 2 steht Gazprom; der Konzern ist direkt mit dem russischen Regime verbunden. Damit finanziert die Europäische Union indirekt ein Regime, das nicht davor zurückschreckt, verbotene Massenvernichtungsmittel einzusetzen. Im Inland und mitten in der EU, wie der Fall Skripal gezeigt hat.

SPIEGEL:…