David Claudio Siber sieht auf den Videos im Internet eigentlich aus wie ein Grünen-Mitglied unter vielen. Weißes Hemd, blaue Jeans, rechteckige Brille, Dreitagebart. Die Haare nicht unordentlich, aber auch nicht zu ordentlich. Die Jeans sitzt so eng, dass man die Umrisse seines Handys erkennt.

Der Mann steht auf einer Bühne und hält eine Rede, vor ihm johlendes Publikum. Das war am vergangenen Wochenende. Seitdem ist Siber bekannt als das Mitglied der Grünen, das bei den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen in Berlin eine Rede gehalten hat.

Gegen seine Partei, gegen die Politik der Regierung.

Ein Grüner, der offenbar kein Problem damit hat, dass auf der Demonstration Rechtsextreme mitmarschierten. Die durchbrachen später die Absperrung zum Reichstagsgebäude und posierten auf den Stufen zum Parlament mit schwarz-weiß-roten Reichsflaggen.

Für die Grünen ist Siber, der bis Montagabend auch sogenanntes bürgerschaftliches, also nicht gewähltes Mitglied im Stadtrat von Flensburg war, ein echtes Ärgernis. Schließlich bringt er die Grünen in Verbindung mit einer Demonstration, mit der sie ganz und gar nichts zu tun haben wollen. Eine SPIEGEL-Umfrage zufolge haben rund 90 Prozent der Grünen-Anhänger kein Verständnis für die Berliner Demonstration.

Doch anders als etwa bei Pegida fällt den Grünen die Abgrenzung zu den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen nicht ganz so leicht.

Denn beim Protest auf den Straßen Berlins liefen neben Siber auch viele andere mit, die sich an der Gegenwart der Reichsfahnen zumindest nicht störten, unter ihnen Impfskeptiker, Esoteriker, Anthroposophen, Freunde der Naturheilkunde und der Homöopathie. Ein alternatives Milieu, das noch oft den Grünen nahe steht.

Seit Jahrzehnten verbunden

Grüne und Anthroposophen sind vor allem in Baden-Württemberg eng verwoben. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ schrieb, die Anthroposophen in der Partei hätten den Grünen im Südwesten schon früh den Zugang zu bürgerlichen Kreisen…