Am Mittwochmorgen machte die „Bild“ das Thema groß: „Spahns brutal ehrliche Corona-Bilanz“, stand ganz oben auf der Webseite des Online-Angebots. Darunter das Zitat. „Man würde mit dem Wissen heute keine Friseure und keinen Einzelhandel mehr schließen.“ Die gedruckte Ausgabe titelte ähnlich.

Die Aussage des Gesundheitsministers stammt von einer Veranstaltung in Bottrop am Montag und bezieht sich offensichtlich auf die von der Bundesregierung im März gegen die Ausbreitung des Virus verhängten Maßnahmen. Sie ist richtig wiedergeben, zeigt ein Videomitschnitt im Artikel, allerdings längst nicht so überraschend wie die Aufmachung suggeriert.

Hier entsteht der Eindruck, Jens Spahn (CDU) hätte ein Geheimnis preisgegeben: endlich ein Politiker, der die Wahrheit über das Coronavirus ausspricht und zugibt, dass die Maßnahmen im Frühjahr übertrieben waren. Über einem „Bild“-Artikel zum Themenkomplex steht dann auch „Man hätte Friseure und Altenheime nicht schließen müssen“. Hier fehlen die Anführungszeichen, aus gutem Grund: So hat Spahn es nämlich gerade nicht gesagt.

„Wir haben doch etwas dazugelernt“

Es macht aber einen Unterschied, ob sich eine Aussage darauf bezieht, wie in der aktuellen Lage gehandelt werden würde oder ob Entscheidungen aus der Vergangenheit infrage gestellt werden. Letzteres geben Spahns Aussagen nicht her. Stattdessen passen seine Worte sogar ziemlich gut in den bisherigen Umgang der Regierung mit der Pandemie.

Im gesamten bisherigen Verlauf der Pandemie hat sich die Regierung eng am verfügbaren Wissen über das Virus orientiert. Abgesehen von Spekulationen blieb ihr auch nicht viel anderes übrig: Rationale Entscheidungen können immer nur auf Basis vorhandener Informationen getroffen werden. So kann es passieren, dass sie sich rückblickend tatsächlich als falsch herausstellen, in der Situation aber dennoch richtig waren.

So sagt auch Spahn: „Wir haben doch etwas dazugelernt in den letzten Monaten, wie wir uns schützen können, ohne dass…