Ischinger, 74, ist einer der erfahrensten deutschen Diplomaten. Er war Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Botschafter in Washington und London. Seit 2008 leitet er die Münchner Sicherheitskonferenz, Deutschlands wichtigste außen- und sicherheitspolitische Tagung.

SPIEGEL: Herr Ischinger, wenige Gehminuten von Ihrem Büro entfernt, in der Berliner Charité, liegt der Putin-Kritiker Alexej Nawalny im Koma, nachdem er in seiner Heimat Russland mutmaßlich vergiftet wurde. Wie wirkt sich der Fall Nawalny auf das deutsch-russische Verhältnis aus?

Ischinger: Wir erleben einen neuen Tiefpunkt, leider. In Moskau macht man sich über das Opfer lustig. Schon deshalb ist das für den Kreml ein unsäglich peinlicher Vorgang. Russlands Glaubwürdigkeit war durch den Giftanschlag auf Sergej Skripal in Großbritannien, den Mord an einem Exiltschetschenen im Berliner Tiergarten und den Hackerangriff auf den Bundestag ohnehin schon erschüttert. Sie dürfte nun endgültig erledigt sein. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in den vergangenen 15 Jahren eine Eselsgeduld mit Präsident Wladimir Putin gezeigt. Ich habe als OSZE-Vermittler in der Ukraine 2014 miterlebt, wie sie als einzige Regierungschefin überhaupt immer wieder mit Putin telefoniert hat, zum Teil mehrmals in der Woche. Seit Längerem ist klar, was das Wort aus Moskau wert ist. Dort gilt das Recht des Stärkeren. Das ist das Ende, leider, auch für die Idee strategischer Partnerschaft.