Was wussten Angela Merkel und das Kanzleramt über Wirecard? So lautet eine der wichtigsten Fragen, wenn sich der Finanzausschuss des Bundestags an diesem Montag und Dienstag in einer zweiten Sondersitzung mit dem Bilanzskandal beschäftigt. Eingeladen wurde unter anderem Lars-Hendrik Röller, Merkels Abteilungsleiter für die Wirtschafts- und Finanzpolitik.

Die Abgeordneten haben viele Fragen, denn Wirecard bekam im Kanzleramt exklusive Zugänge. Der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg durfte im September 2019 sogar bei einem persönlichen Gespräch mit Merkel für Expansionspläne des Zahlungsdienstleisters in China werben – ein Termin, den die Regierung dem Parlament zunächst verschwieg. Wenige Tage nach dem Treffen sprach Merkel bei einer China-Reise tatsächlich Wirecard gegenüber der chinesischen Führung an.

Solche „Flankierungen“ seien nicht ungewöhnlich, betonte Merkel bei ihrer Sommer-Pressekonferenz. „Es ist Usus, nicht nur in Deutschland, dass man bei Auslandsreisen natürlich die Anliegen von Unternehmen auch anspricht.“ Doch hätte Merkel im Fall von Wirecard nicht besonders vorsichtig sein müssen? Die Regierung wiegelt ab. Zum Zeitpunkt der Reise hätten „keine über öffentlich verfügbare Informationen hinausgehende Erkenntnisse“ vorgelegen, „zu möglichen schwerwiegenden Unregelmäßigkeiten bei Wirecard“ habe man keine Erkenntnisse gehabt.

Eine unbefriedigende Erklärung. Denn auch die öffentlich verfügbaren Informationen zu Wirecard genügten im Herbst 2019 längst, um die ein oder andere Alarmglocke schrillen zu lassen. Der Bilanzbetrug und seine Ausmaße waren zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt, Unregelmäßigkeiten bei Wirecard aber schon seit Jahren ein Thema. Einige Beispiele:

Seit April 2015 berichtet die „Financial Times“ in der Artikelserie „House of Wirecard“ immer wieder ausführlich über Zweifel an den Zahlen und Auslandsgeschäften des Unternehmens.

Im Februar 2016 erhebt der bis dahin unbekannte Analysedienst Zatarra…