Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ein gutes halbes Jahr brauchte Sars-CoV-2, um weltweit 10 Millionen Menschen zu infizieren. Ende Juni war es soweit. In dieser Woche nun wurde die Marke von 20 Millionen Coronapositiven geknackt. Eine Verdopplung der Fallzahlen auf diesem hohen Niveau innerhalb von nur rund sechs Wochen zeigt: Egal ob es sich noch um die erste oder schon die zweite Welle handelt – weltweit gesehen deutet nichts auf eine Entspannung in der Viruskrise hin, solange nicht wenigstens ein sicherer Impfstoff zur Verfügung steht.

Dass Russland am Dienstag das weltweit erste Vakzin zugelassen hat, ist in diesem Wettlauf mit der Zeit jedoch kein Durchbruch, sondern sogar ein Rückschlag. Nach allem was wir wissen, hat der Stoff wichtige Tests der Phase drei gar nicht durchlaufen, ob er zuverlässig vor einer Infektion schützt und gleichzeitig auch bei breiter Anwendung keine Nebenwirkungen auftreten, ist daher weitgehend unklar, wie meine Kollegin Julia Merlot berichtet.

Dass der Stoff von Russlands Behörden trotzdem zugelassen wurde, könnte sich noch schwer rächen. Gut möglich, dass sich in Russland und anderswo schon bald Zigtausende Menschen nach erfolgter Impfung in falscher Sicherheit wähnen und Corona-Schutzmaßnahmen ignorieren – obwohl sie gegen das Virus nicht zuverlässig immun sind.

Mindestens ebenso gravierend könnten jedoch die Auswirkungen auf alle anderen Regionen der Welt sein: Damit eine Impfkampagne erfolgreich ist, muss nicht nur ein wirkungsvoller und sicherer Stoff gefunden werden – die Menschen müssen auch bereit sein, sich ihn injizieren zu lassen. Voraussetzung dafür ist das Grundvertrauen, dass ein Impfstoff hohe Sicherheitsstandards erfüllt, bevor er in Umlauf gebracht wird. Für das erste Corona-Vakzin der Welt gilt das nicht. Das ist ein fatales Signal, das im schlimmsten Fall auch die Akzeptanz künftiger, eigentlich sicherer Impfstoffe gefährden könnte.

„Das Masken-Drama: Sie ist nervig, verhasst und trotzdem unsere einzige Hoffnung“…