Ich war vor kurzem in Portland und Seattle. Beides sind schöne Städte an der Westküste der USA mit vielen Coffeeshops, Restaurants und kleinen Läden. Der Eindruck, der sich mir am stärksten eingebrannt hat, war allerdings die ungeheure Zahl an Obdachlosen, die auf den Straßen leben.

In Portland waren in manchen Straßenzügen regelrechte Zeltlager entstanden. Auf einem der zentralen Plätze der Stadt, auf dem sich auch die Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der von Donald Trump entsandten Bundespolizei abgespielt haben, hat sich eine Art permanente Suppenküche etabliert. In der Innenstadt von Seattle war der Anblick ähnlich deprimierend.

Der Skandal dieser Zeltstädte ist ein weiterer Beleg dafür, wie dysfunktional das ökonomische und politische System der USA mittlerweile ist. Die Coronapandemie ist nicht die Ursache für diese Entwicklung. Aber die durch das Virus ausgelöste Krise zeigt sie in ihrer ganzen Härte und Unbarmherzigkeit.

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Kein Ort für Kinder: Zeltstadt am Rande von Seattle

Foto: SHANNON STAPLETON/ Reuters

Die Situation wird sich aller Voraussicht nach in den kommenden Wochen dramatisch verschlechtern. Wegen der Coronakrise hatten der Kongress und die einzelnen Staaten Moratorien erlassen. Diese untersagten es Vermietern, zahlungsunfähige Mieter einfach auf die Straße zu setzen.

Die Regelung auf Bundesebene, die etwa ein Drittel aller Mieter geschützt hat, ist aber ausgelaufen, weil sich Republikaner und Demokraten nicht auf ein neues Hilfspaket einigen konnten.

Die einzelnen Staaten regeln das Problem unterschiedlich. In manchen gibt es noch ein Verbot der sogenannten Evictions. In anderen haben sie wieder begonnen. Die ersten Menschen, die wegen der Pandemie ihren Job verloren, sitzen bereits auf der Straße.

In kürzester Zeit in die Obdachlosigkeit

Als ich vor fünf Jahren in Chicago lebte, habe ich in meiner katholischen Kirchengemeinde bei einer Essensausgabe ausgeholfen. Viele der Männer…