Ziemlich nervös haben die führenden Genossen ihren Sommerurlaub verbracht. Kriegen wir die Nominierung von Olaf Scholz sauber über die Bühne? Stehen Präsidium und Vorstand der SPD geschlossen hinter dem Kanzlerkandidaten? Wie stark wird der Gegenwind? 

Zwei Tage nach der Entscheidung, deren Zeitpunkt das politische Berlin überraschte, sind Scholz, die Parteivorsitzenden Saskia Esken und Norbert-Walter-Borjans sowie Generalsekretär Lars Klingbeil zufrieden. Ihre vertrauliche Planung hat funktioniert, die Kritik in den eigenen Reihen hält sich in Grenzen – und der politische Gegner scheint ein wenig überrumpelt.

Die Erleichterung in der SPD-Spitze darüber ist verständlich, nach all dem strategischen Durcheinander der vergangenen Jahre. Endlich hat mal etwas geklappt, freuen sich die Sozialdemokraten. 

Dabei wirkt dieser Anflug von Euphorie angesichts der Ausgangslage fast schon kurios. Nach wie vor liegt die SPD in den Umfragen deutlich unter dem Wahlergebnis von 2017 – und jene 20,5 Prozent vor drei Jahren waren das schlechteste Ergebnis der Partei bei einer Bundestagswahl überhaupt.  

Martin Schulz, darauf verweisen sie in der SPD derzeit gerne, habe damals viel zu wenig Zeit gehabt, sich als Kanzlerkandidat zu profilieren und eine Strategie zu entwickeln. „Bis zum 23. Januar 2017 wusste niemand im Willy-Brandt-Haus, der mit Öffentlichkeitsarbeit, interner Organisation, Kampagnenplanung oder Veranstaltungsmanagement zu tun hatte, dass am nächsten Tag ein neuer Kanzlerkandidat präsentiert würde.“ So steht es in der 108-seitigen Analyse der Partei mit dem Titel „Aus Fehlern lernen“ aus dem Sommer 2018. Ex-Parteichef Sigmar Gabriel hatte Schulz‘ Kandidatur seinerzeit in einem „Stern“-Interview verkündet – acht Monate vor der Wahl. 

Das sollte dieses Mal auf jeden Fall anders werden, sagt Generalsekretär Klingbeil: „Wir sind nicht reingestolpert in die Kandidatur und haben jetzt noch mehr als ein Jahr Zeit bis zur Bundestagswahl.“ Klingbeil…