SPIEGEL: Herr Krüger, Sie forschen seit Jahren über die Zukunft unserer Innenstädte. Werden diese Zentren, so wie wir sie kannten, auf Dauer verschwinden?

Krüger: Unsere Innenstädte haben einen großen Wettbewerber: das Internet. Gerade in den großen Citys stagnieren seit Jahren die Besucherzahlen, nun kommt noch Corona dazu: Die Nachfrage ist weg, es gibt weniger Touristen, Messebesucher, Geschäftsleute. Das wird Tendenzen verstärken, die ohnehin angelegt waren, mobiles Arbeiten etwa oder den Online-Einkauf, der Umsatz aus der City wegnimmt. Auch das Erlebnis verschwindet aus der Fußgängerzone. Kino, Café, Tanz – das war alles mal Innenstadt. Und das findet heute daheim statt.

SPIEGEL: Sie glauben nicht daran, dass Erlebnis und Bummeln nach Corona in die City zurückkommen?

Krüger: Der Niedergang der Innenstädte hat ja schon vor Jahren eingesetzt. Die Pandemie hat das nur beschleunigt. Berlin etwa hat mit Städtetouristen im vergangenen Jahr 13 Milliarden Euro Umsatz in die Stadt geholt. Der ist nun weg. Der Einzelhandel hat ein riesiges Minus, etwa im Bereich Mode. Die Sommerkollektionen sind bezahlt und liegen jetzt wie Blei in den Läden. In der Gastronomie reden wir von einem Einbruch um mindestens 30 Prozent, aufs Jahr gerechnet. Dieses Geschäft ist für immer verloren.

SPIEGEL: Was kann man dagegen tun?

Krüger: Es rächt sich jetzt, dass die Innenstädte Jahrzehnte lang nur nach dem Prinzip der Mietenmaximierung bewirtschaftet wurden. Die Erdgeschosse der City-Häuser gleichen ja inzwischen einem mittelmäßigen Shoppingcenter: Alles ist gleichförmig, überall dasselbe Angebot. Ja: Warum sollen denn die Menschen da noch hingehen? Händler, die die Wertschöpfung leisten, und Eigentümer, die davon eine Rente beziehen, müssen sich sehr ernst unterhalten und sich klarmachen: Wenn wir jetzt nichts tun, ist die Party bald ganz vorbei. Die Einbrüche durch Corona sind für viele Betriebe lebensgefährlich. Ich glaube nicht, dass da so schnell etwas Neues…