SPIEGEL: Herr Albanus, das Einzugsgebiet Ihrer Klinik ist groß: Es reicht fünf Stunden Bootsfahrt flussabwärts bis 16 Stunden flussaufwärts. Wie haben Sie den Indigenen, die dort leben, die Virusgefahr erklärt?

Albanus: Das lief über Funk, das ist das einzige Kommunikationsmittel. Es gibt morgens und abends feste Zeiten, zu denen die Urarina in ihren Dörfern am Funkgerät sitzen. Mithilfe unserer Übersetzer haben wir den Dorfvorstehern versucht zu erklären, was ein Virus ist und wie sie sich davor schützen können. Wir baten darum, die Information an die Dorfbewohner weiterzugeben.

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Mediziner Albanus erklärt Urarina-Indigenen, wie sie sich gegen das Virus schützen: „Sie sehen Krankheit als Strafe“

Foto: Dirk Albanus/ Freundeskreis Indianerhilfe e.V.

SPIEGEL: Hat das funktioniert?

Albanus: Die Urarina haben ein anderes Krankheitsbild als wir. Sie glauben, dass Krankheiten von sozialem Fehlverhalten ausgelöst werden oder von einem bösen Fluch, den jemand anderes sendet. Sie sehen Krankheit als eine Art Strafe. Ein Beispiel: Die Urarina glauben an die Mutter des Walds. Wenn eine Frau ein Kind bekommt, darf der Vater in dieser Zeit nicht jagen oder Bäume fällen, weil die Mutter des Walds sonst böse wird und dem Neugeborenen eine Krankheit schicken kann.

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Ärzteehepaar Celina und Dirk Albanus

Foto: 

Dirk Albanus/ Freundeskreis Indianerhilfe e.V.

Der deutsche Arzt Dr. med. Dirk Robert Albanus, 32, leitet seit Mai vergangenen Jahres zusammen mit seiner Frau Celina Albanus den Gesundheitsposten Tucunaré, eine kleine Klinik für Indigene vom Volk der Urarina am Rio Chambira im peruanischen Amazonasgebiet. Die Klinik gibt es seit 20 Jahren, das Einzugsgebiet ist etwa dreimal so groß wie das Saarland. Trägerverein ist der auf Spendenbasis arbeitende „Freundeskreis Indianerhilfe e.V.“. Das Projekt wird seit Juli 2020 vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) gefördert….