Mit Bleistift schreibt er in kleine Büchlein, flüchtige Notizen, kryptisch wie ein Reisetagebuch. Dazwischen: Einträge mit blauem Füllfederhalter, Kürzel über wichtigen Personen, Skizzen von Gemälden alter Meister, die er begutachtet hat. Ab Juli 1939 ist der Dresdner Museumsdirektor Hans Posse (auf dem Titelbild dieses Artikels ganz links zu sehen) in geheimer Mission unterwegs. Hitler persönlich hat ihn zum „Sonderbeauftragten“ für das geplante Führermuseum in Linz ernannt.

Am 5. Juli startet Posse seine erste Inspektionsreise. Er fährt im Schlafwagen nach München, wählt im „Führerbau“, der zunächst als Depot für die Raubkunst dient, erste Gemälde aus und reist Tage später nach Linz in Österreich, der Heimatstadt Adolf Hitlers. Dort trifft er die örtliche Gauleitung, wie er akribisch in seinem Notizbuch auflistet, das er immer bei sich trägt.

Hitlers Reichskanzlei hat vorab telegraphiert, man solle ihn tatkräftig vor Ort unterstützen. „Hitler hatte ihn mit ungeheuren Befugnissen ausgestattet“, sagt Susanna Brogi, die Leiterin des Deutschen Kunstarchivs in Nürnberg, wo die geheimen Reisetagebücher lagern und ausgewertet wurden. „Posse wusste, wie man sich in Kreisen der Museumsleute bewegen musste. Und er hat persönlich die NS-Elite kennengelernt.“

Das Team, das die Tagebücher von Hans Posse transkribiert, kommentiert und online gestellt hat (v.l.n.r.): Frederike Uhl, Susanna Brogi und Juliane Hamisch

Hitlers Chefeinkäufer für Kunst

Am 10. Juli 1939 geht es weiter nach Wien. Dort besichtigt er das österreichische Zentraldepot der bereits beschlagnahmten Kunstwerke aus jüdischem Eigentum. 1938, sofort nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich, sind bereits tausende von Gemälden von der Gauleitung der NSDAP konfisziert worden. Vieles stammt aus „arisiertem“ jüdischen Kunstbesitz. „Über 8000 Stück“, notiert Hans Posse mit seiner krakeligen, schwer lesbaren Schrift unter diesem Datum.

Die Notizbücher sind wichtig für seine…