Es regnet wieder in Äthiopien, und geht es nach der Regierung in Addis Abeba, dann wird diese äthiopische Regenzeit 2020 in die Geschichte eingehen.

Aus äthiopischer Sicht soll sie ein fast 100 Jahre altes Unrecht korrigieren, nämlich die bisherige Nutzung des Wassers aus dem Nil durch die drei Anrainerstaaten des Stroms; zu denen zählen neben Äthiopien selbst auch Ägypten und Sudan.

Dafür hat sich Äthiopien ein Jahrhundertbauwerk gegönnt: Der Grand-Ethiopian-Renaissance-Staudamm („Gerd“) ist bis zu 155 Meter hoch und durchschneidet mit seiner Mauer kilometerweit das Niltal. Sein Reservoir soll drei Mal so groß werden wie der Bodensee. Und die Kraft des Wassers soll dann das 109-Millionen-Einwohnerland und sogar die Nachbarstaaten mit grünem Strom versorgen.

Äthiopiens Freudenfest, Ägyptens Katastrophe?

Fertig ist „Gerd“, wie der Damm in Äthiopien heißt, noch nicht. Die Staumauer ist aber bereits jetzt hoch genug, um in der ersten Aufstaustufe einen tiefen, dauerhaften See entstehen zu lassen.

„An der niedrigsten Stelle hat der Damm nun eine Höhe von gut 60 Meter erreicht“, sagt der leitende Ingenieur des Staudamms, Ephrem Woldekidan, in einem Telefonat mit dem SPIEGEL. Und Ephrem bestätigt darin den Plan seiner Regierung: Mitte Juli, mit dem Anschwellen des Nils in der Regenzeit, beginnt sich auch der Stausee zu füllen.

Was für Äthiopien ein Freudenfest werden soll, gilt in Ägypten als nationale Katastrophe.

Der Nil ist die Lebensader für das Land, dessen rund 100 Millionen Einwohner sich in das fruchtbare Niltal drängen. Dort schürt der äthiopische Damm Ängste. Etwa, dass das Land vom Wasser abgeschnitten werden und am Ende wortwörtlich fast verdursten könnte, weil Äthiopien eigensinnig handelt.

Da hat es auch nichts genutzt, dass der äthiopische Regierungschef Abiy Ahmed, mittlerweile Friedensnobelpreisträger, bereits 2018 persönlich in Kairo „bei Gott“ schwor: „Wir werden Euch nicht schaden.“ Und auch nicht, dass das Füllen des Mega-Stausees in…