Fast 80 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht – so viele wie noch nie. Die Corona-Pandemie verschärft die Situation noch, die globale Wirtschaftskrise wird Vertriebene besonders hart treffen. Am Dienstag und Mittwoch beraten EU-Spitzen mit NGOs und internationalen Institutionen über Hilfe für Syrien. Inzwischen haben dort mehr als neun Millionen Menschen nicht genügend zu Essen.

Filippo Grandi, Chef des Uno-Flüchtlingshilfswerks, wird an der Konferenz teilnehmen. Im Interview spricht er über seine Erwartungen und erklärt, warum er die Geduld mit europäischen Politikern verliert.

SPIEGEL: Herr Grandi, was erhoffen sie sich von der Syrien-Konferenz?

Filippo Grandi: Die Vereinten Nationen brauchen zehn Milliarden Euro. Die sollen den Menschen in Syrien helfen, vor allem den Flüchtlingen. Allein in Idlib wurden 2,5 Millionen Menschen vertrieben. Praktisch die gesamte Bevölkerung dort benötigt Hilfe.

Bisher hält der von Russland und der Türkei ausgehandelte Waffenstillstand. Aber die Situation ist explosiv, sie kann von einem auf den anderen Tag eskalieren. Und in anderen Teilen Syriens, einschließlich der Gebiete unter der Kontrolle der Regierung, ist die humanitäre Situation ähnlich schlecht.

SPIEGEL: Die Corona-Pandemie hat in den syrischen Nachbarstaaten eine Wirtschaftskrise ausgelöst. In Ländern wie dem Libanon und der Türkei harren die meisten syrischen Flüchtlinge aus. Hilfsorganisationen berichten, dass viele Vertriebene sich kaum ernähren können.

Grandi: In der Region leben 5,5 Millionen syrische Flüchtlinge. Die Hälfte davon hat ihren Job verloren. In der Türkei betreiben wir ein Hilfstelefon. Vor der Krise baten sechs Prozent der Flüchtlinge im Land dort um Hilfe, nun sind es 45 Prozent. Diese Leute rufen an und wissen nicht mehr, wie sie über die Runden kommen sollen. Wir haben nun Bargeld-Hilfen an 200.000 zusätzliche Flüchtlinge ausgezahlt. Bald sind es hoffentlich 300.000, falls genug Geld zusammenkommt.

Im Libanon ist die…