Ähnlich wie Kleidung wird ein Großteil der auf der Welt eingenommenen Medikamente nicht mehr in Europa hergestellt, sondern in Asien. Dabei handelt es sich vor allem um Generika, also Nachahmerpräparate, bei denen der Patentschutz abgelaufen ist und die nur noch einen Bruchteil des ursprünglichen Preises kosten. Zudem kaufen westliche Pharmaunternehmen auch Arzneistoffe im Ausland ein oder lassen selbst dort produzieren.

Für das Gesundheitssystem ist die Verlagerung der Produktion in Richtung Osten ein Segen: Die Kosten für viele Arzneimittel sind dramatisch gesunken. Doch die amerikanische Journalistin Katherine Eban hat aufgedeckt, dass der Siegeszug der Billigmedikamente auch eine dunkle Seite haben könnte.

Ihr Buch „Bottle of Lies“ erzählt von einer Branche, die systematisch betrügt – und von einem schlimmen Verdacht: Dass manche dieser Arzneien uns womöglich nicht gesünder, sondern kränker machen.

SPIEGEL: Frau Eban, wann mussten Sie zum letzten Mal Medikamente einnehmen?

Eban: Ich muss sogar jeden Tag zwei einnehmen. Ich verzichte auch nicht auf Medikamente aus Indien oder China. Niemand kann das. Aber ich habe meinen Arzt durchaus schon gebeten, mir ein alternatives Präparat zu verschreiben. Ich schaue mir dafür den Hersteller an: Ist es eine Firma, die wegen Hygienemängeln aufgefallen ist oder weil sie Testergebnisse manipuliert hat? Googeln Sie Ihren Arzneihersteller. Es ist eine zermürbende Arbeit, aber wenn Sie ein Medikament jeden Tag einnehmen müssen, dann kann es sich lohnen.

SPIEGEL: An welche Nebenwirkungen denken Sie dabei?

Eban: Nehmen Sie Valsartan. Das ist ein Arzneistoff, der in vielen Blutdrucksenkern verwendet wird. 2018 mussten Dutzende Präparate vom Markt genommen werden, weil sich herausgestellt hatte, dass bei der Produktion von Valsartan wahrscheinlich jahrelang ein krebserregendes Beiprodukt entstanden war. Die Schuld lag beim chinesischen Zulieferer. Dessen Messwerte hatten angezeigt, dass etwas nicht stimmt. Aber die Firma…