Das Rätsel um die verschwundenen Milliarden des Dax-Konzerns Wirecard wird immer mysteriöser, und der Mann, der es aufklären könnte, geht in Deckung: Mark Tolentino, Anwalt mit Kanzlei im philippinischen Finanzzentrum Makati City, ist nach SPIEGEL-Informationen der Treuhänder jener 1,9 Milliarden Euro, auf die Wirecard angeblich Anspruch hat und die der Bilanzprüfer EY bislang vergeblich sucht.

Ob das Unternehmen eine Zukunft hat, hängt am Wohlwollen seiner kreditgebenden Banken, die derzeit unter Hochdruck darüber verhandeln, ob sie die Ende Juni ablaufende Kreditlinie für Wirecard verlängern. Andernfalls könnten für das Unternehmen die Lichter ausgehen – ein Fall von historischem Ausmaß in der Wirtschaftsgeschichte.

Als Treuhänder käme Tolentino bei der Aufklärung der bizarren, mutmaßlich kriminellen Umstände eine Schlüsselrolle zu; in Wirecard-Kreisen jedenfalls heißt es, dass der Mann exakt diese Funktion inne habe. Telefonisch oder per E-Mail ist er derzeit nicht erreichbar.

Ein Streitschlichter aus dem Radio

Auf der Website seiner Kanzlei wird Tolentino als „jung, dynamisch und aggressiv“ beschrieben. Seinen Kunden stehe er als erfahrener Streitschlichter zur Seite, vor allem als Experte in Familienrecht. Überdies kenne er sich generell im Geschäftsleben („Business“) sowie mit Immigrationsgesetzen und Krypto-Währungen aus. Ein bunter Strauß juristischer Kompetenzen also, die er Rechtssuchenden in persönlichem Kontakt, aber auch diversen Radiosendungen vermittelt; die entsprechenden Sendefrequenzen liefert er im Netz gleich mit.

Dieser Tolentino soll, so heißt es in Wirecard-Kreisen, treuhänderisch Geld für Wirecard verwaltet haben, das der Konzern für sein asiatisches Geschäft benötigt, aktuell etwa 1,9 Milliarden Euro. Geschäft heißt in dem Zusammenhang: Wirecard schaltet sich zwischen den Endkunden, der zum Beispiel ein Paar Turnschuhe kauft, und den Händler, der die Sneaker verkauft. Verlässt der Kunden nach dem Kauf das Geschäft, hat…