Am 29. Mai um 21.30 Uhr waren auf fast allen türkischen Fernsehsendern dieselben Bilder zu sehen: In der Hagia Sophia kniete ein Vorbeter und rezitierte eine Sure aus dem Koran. Mit ihm im Kuppelsaal war nur Tourismus- und Kulturminister Mehmet Ersoy. Das Museum fällt in seinen Verantwortungsbereich. Nach wenigen Minuten verwies Ersoy jedoch auf eine große Leinwand. Niemand geringerer als Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan sprach anschließend das weitere Gebet und hielt auch die Predigt – ein Auftritt mit Symbolkraft.

Islamisten fordern bereits seit Jahren die Umwandlung der „Ayasofya“ zurück in eine Moschee. So nah wie jetzt waren sie ihrem Ziel wohl noch nie. Das zeigt schon das Datum, das Erdogan für seine religiöse Selbstinszenierung gewählt hat.

Wegen der Corona-Pandemie waren gemeinsame Freitagsgebete in der Türkei wochenlang untersagt. Das Verbot endete am 29. Mai. Dieses Datum markiert zugleich den Jahrestag der osmanischen Eroberung Konstantinopels. Entsprechend fiel auch die Show um die Hagia Sophia aus.

„Die Ketten der Hagia Sophia sprengen“

Per Lautsprecher wurden zunächst die Worte des Vorbeters nach draußen übertragen. Dort stand eine weitere riesige Leinwand, die an die Stadtmauer erinnern sollte. Während Erdogans Predigt über eine ruhmreiche Vergangenheit und eine glorreiche Zukunft, wurde dort parallel die Eroberung der Stadt durch Sultan Mehmet II. nachgezeichnet. Für viele war das Gebet Ende Mai bereits ein Hinweis darauf, dass die Rufe des Muezzins schon bald wieder regelmäßig von der Hagia Sophia aus über den Bosporus erklingen könnten. In den vergangenen Wochen hat die Debatte deutlich an Fahrt aufgenommen.

Die Hagia Sophia wurde im 6. Jahrhundert als Reichskirche der Byzantiner gebaut und war fast tausend Jahre lang die wichtigste Kirche des Christentums. Als die Osmanen im 15. Jahrhundert Konstantinopel – das heutige Istanbul – eroberten, machten sie die Hagia Sophia zur Moschee. 1935 erklärte Republikgründer Mustafa Kemal…