Im Januar 2019 saß Elaine Chew am Flügel in der Londoner Kirche St Bartholomew the Great. Sie spielte Chopin, Bach, Berger und eigene Kompositionen. Im Publikum lauschten Patienten aus einer nahe gelegenen Klinik. Alle trugen einen Herzschrittmacher. Sie sollten das kurze Konzert nicht nur genießen, sondern waren zugleich Teil eines wissenschaftlichen Experiments.

Chew tritt regelmäßig als Pianistin auf. Im Hauptberuf aber ist sie Mathematikerin am Pariser Forschungslabor Sciences et Technologies de la Musique et du Son. Derzeit pendelt sie zwischen der französischen und der britischen Hauptstadt.

Die Forscherin, die unter anderem ein mathematisches Modell zur Analyse der Wahrnehmung von Musikstücken ersonnen hat, litt selbst an Herzrhythmusstörungen. Das regte sie an, ihre Kompositionen auf EKGs von Menschen mit solchen Arrhythmien zu gründen.

Chews jüngstes Projekt, das ist offensichtlich, vereint ihre Interessen ziemlich gut. An ihrem Konzertpublikum wollten sie und ihre Forscherkollegen untersuchen, wie das menschliche Herz auf Musik reagiert – auf Tempowechsel, Lautstärke, Pausen. Die Schrittmacherpatienten sind geeignete Probanden, da sich ihre Herzfrequenz festlegen lässt und sich die Wissenschaftler so auf eine einzelne Messgröße konzentrieren konnten: jene Sekundenbruchteile währende Phase, in der sich das Herz zwischen zwei Schlägen erholt.