Am Ende war es keine große Überraschung: Der Bachmann-Preis 2020 ging an Helga Schubert. Die 80-jährige Schriftstellerin, die die zweite Etappe der „44. Tage der deutschsprachigen Literatur“ eröffnet hatte, zählte seit ihrer Lesung zu den Favoriten. In ihrem „klugen und souveränen“ Text „Vom Aufstehen“, der ein zwiespältiges Mutter-Tochter-Verhältnis behandelt, „erzählt sie davon, wie man Frieden machen kann“, würdigte Insa Wilke die einstige Ost-Berlinerin in ihrer Laudatio. „Helga Schubert hat Lebensgeschichte in Literatur verwandelt. Sie zeigt eine Möglichkeit, sich in der unendlich eisigen Welt, die sie erfahren hat, zu vertrauen.“

Der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb gehört zu den wichtigsten deutschsprachigen Literaturpreisen, und er hat seine ganz eigenen Gesetze. Sieben Jurorinnen und Juroren dürfen jeweils zwei Kandidaten vorschlagen, die an drei aufeinanderfolgenden Tagen ihre halbstündigen Texte vortragen – die dann anschließend von der Jury zerlegt werden. Diskutiert wird vor Publikum, während eine deutsch-österreichisch-schweizerische Öffentlichkeit Lesung und Auseinandersetzung live im TV-Kultursender 3sat verfolgen kann, 16 Stunden lang insgesamt. Der Autor, die Autorin darf zuhören und ist zum Schweigen verdammt. Zurück bleiben entweder Trümmer der literarischen Vernichtung oder Bausteine für eine vielversprechende schriftstellerische Karriere.

Public Viewing im Wiener Lendhafen bei der digitalen Verleihung des Bachmann-Preises

Zum Glück für Schubert ein virtueller Wettbewerb

In diesem Jahr und im Falle Helga Schuberts war von vornherein alles anders. In Zeiten von Covid-19 hatte sich der Österreichische Rundfunk (ORF) zu einer Zwitterform der Veranstaltung durchgerungen: Die Lesungen wurden wie die von den AutorInnen selbst in Szene gesetzten Porträts vor dem Wettbewerb aufgezeichnet und erst zum Zeitpunkt der Lesung veröffentlicht. Die Juroren wurden an ihren jeweiligen Orten gefilmt und diskutierten live. Helga Schubert hatte sich für…