Gesprochen wird im Elternhaus in England nie darüber. „Normal“ ist das Lieblingswort ihrer strengen Mutter. Dann findet die 13-jährige Maya in einer versteckten Mappe verstörende Fotos: mit ausgemergelten KZ-Häftlingen  und Bulldozern, die Leichenberge zur Seite schieben. Daneben britische Soldaten, die das Lager Bergen-Belsen befreit haben.

Das junge Mädchen traut sich nicht zu fragen, zu stark wirkt das Tabu, das unausgesprochen in der Familie existiert. Maya fühlt sich ständig als „bad girl“ und revoltiert als Teenager renitent gegen alles. Ihre Eltern sehen hilflos zu, wie sie von der Schule fliegt und in Drogensucht und Haltlosigkeit abstürzt.

Eine jüdische Familie aus Breslau

„Briefe nach Breslau. Meine Geschichte über drei Generationen“ heißt das aufschlussreiche Buch, mit dem sich Maya Lasker-Wallfisch, in London geboren, von einem belastenden Erbe und dem Trauma ihrer jüdischen Familie befreit hat. In elf fiktiven Briefen berichtet sie ihren Großeltern, was mit deren drei gebildeten und musikalisch begabten Töchtern passiert ist. „Ich dachte, wenn ich versuche, eine Beziehung zur Vergangenheit herzustellen, würde ich in der Gegenwart besser zurechtkommen“, schreibt die Autorin.

In Maya Lasker-Wallfischs Leben ist vieles schief gelaufen. Auch davon schreibt sie in ihrem Buch – ehrlich und erschreckend schonungslos. „In meiner Familie wurden zwei Sprachen gesprochen: Musik und Deutsch. Ich beherrschte keine von beiden.“

Anfangs schiebt sie ihr Scheitern darauf, dass die Eltern – beide Musiker und ständig auf Reisen – kaum Zeit für sie hatten. Sie fühlt sich unverstanden, ungeliebt – und schuldig, ohne zu wissen warum. Der ältere Bruder ist das Vorzeige-Wunderkind, das die musikalische Begabung geerbt hat, sie das „Problemkind“. Aber das ist nur die Oberfläche einer ganz anderen, tiefer gehenden Geschichte.

Das Mädchenorchester von Auschwitz

Mayas Großeltern werden 1942 aus Breslau deportiert und von den Nazis ermordet. Ihre älteste Tochter…