Ein weiterer geballter Corona-Ausbruch in einem norddeutschen Schlachtbetrieb erhöht den Druck auf die Bundesregierung, die Arbeitsbedingungen stärker zu regulieren. 92 Mitarbeiter eines Schlachthofs im niedersächsischen Dissen wurden positiv getestet, wie der Landkreis Osnabrück am Sonntagabend mitteilte. Viele der Infizierten seien über Subunternehmen beschäftigt und wohnten in Sammelunterkünften, hieß es. Die Produktion in dem Schlachthof wurde ausgesetzt, Betroffene und ihre Kontaktpersonen in Quarantäne geschickt.

„Dubiose Billigfirmen“

Bereits zuvor hatten sich Sammelunterkünfte anderer Schlachthäuser in mehreren Bundesländern als Brutstätten des Coronavirus erwiesen. Das Corona-Kabinett der Bundesregierung will deshalb an diesem Montag beraten, wie der Arbeitsschutz in der Branche an die Herausforderungen der Pandemie angepasst werden kann. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) forderte eine „grundlegende Reform“ der Fleischindustrie. Die Betriebe dürften das Schlachten nicht mehr „an dubiose Billigfirmen vergeben und damit die Verantwortung auslagern“, sagte NGG-Vizechef Freddy Adjan den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Die Konzerne hätten „skrupellos die Gesundheit von zehntausenden Menschen gefährdet“.

Arbeitsminister Heil und Agrarministerin Julia Klöckner gemeinsam mit ihren Kollegen Spahn, Giffey und Maas (v.l.n.r.)

Über das Wochenende hatte eine Debatte über die in Deutschland sehr niedrigen Fleischpreise an Fahrt aufgenommen. Grünen-Chef Robert Habeck forderte eine grundlegende Reform der Fleischproduktion und einen Mindestpreis, um bessere Haltungsbedingungen für die Tiere und eine „korrekte Entlohnung“ der Mitarbeiter sicherzustellen.

Minister uneins über Maßnahmen

Laut Regierungssprecher Steffen Seibert gebe es unter den Kabinettsmitglieder „großes Einvernehmen“ über den Handlungsbedarf. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) strebt Berichten zufolge ein weitgehendes Verbot von Werkverträgen in Schlachthöfen an…